Biologie des Qi

Vor einigen Wochen empfahl mir eine QiGong-Kollegin das Buch The Spark in the Machine von Daniel Keown. In seinem Buch schlägt der britische Arzt und Autor eine faszinierende Brücke zwischen fernöstlichen Heilmethoden und den noch ungeklärten Fragen der modernen Medizin. Welche Impulse der Entstehung organisierten Lebens zugrunde?  Was ist Qi aus wissenschaftlicher Sicht? Wie beeinflusst Achtsamkeit den Körper? Gibt es wissenschaftliche Hinweise auf Meridiane? Dies und noch mehr erfährst du in diesem Blogpost

Wie entsteht aus einer einzigen Zelle ein Mensch?

Jeder Mensch begann sein Leben als eine einzige Zelle. Diese eine Zelle besitzt weder ein Herz noch ein Gehirn. Sie kennt keine Hände, keine Augen und keinen Atem. Trotzdem entsteht aus ihr innerhalb weniger Monate ein vollständiger Mensch mit ungefähr dreissig Billionen Zellen.

Doch woher weiss jede einzelne Zelle, was ihre Aufgabe werden soll?

Natürlich ist der Bauplan des Körpers in der DNA gespeichert. Doch wer oder was orchestriert den Prozess der embryonalen Entwicklung? Woher weiss eine Zelle, dass sie einmal Teil der Netzhaut sein wird, während ihre Nachbarzelle eine Herzmuskelzelle wird? Woher weiss sie, wann sie sich teilen soll und wann sie aufhören muss? Welcher Wegweiser verrät ihr, wann und in welche Richtung sie wandern muss? Und woher weiss sie, dass sie genau an dieser Stelle bleiben soll?

Diese Fragen gehören bis heute zu den grossen Wundern der Entwicklungsbiologie.

Wie kommunizieren Zellen während der Embryonalentwicklung?

Schon wenige Tage nach der Befruchtung beginnt sich die erste Zelle zu teilen. Zwei. Vier. Acht. Sechzehn. Schon bald entsteht eine Zellkugel aus tausenden von Zellen, kaum grösser als ein Stecknadelkopf. An diesem Punkt sehen die Zellen noch nahezu identisch aus. Und trotzdem geschieht bereits etwas Erstaunliches. Sie beginnen miteinander zu kommunizieren.

Mit chemischen Botenstoffen, mechanischen Kräften und winzigen elektrischen Signalen beginnen sie zu spüren, wer ihre Nachbarn sind. Sie reagieren darauf, wie viel Zug auf ihnen lastet. Sie erkennen, ob sie innen oder aussen liegen. Aus dem Formlosen wird langsam ein oben oder unten, links oder rechts. Aus einer Ansammlung einzelner Zellen entsteht Orientierung, Struktur und schliesslich Form.

Wenn man Aufnahmen eines Embryos betrachtet, wirkt dieser Prozess beinahe poetisch einfach. Gewebe faltet sich. Zellen wandern. Schichten drehen sich umeinander. Organe entstehen an genau den richtigen Stellen.

Es sieht fast so aus, als würde der Körper sich selbst erschaffen. Und irgendwie tut er genau das.

Welche Rolle spielen Faszien im menschlichen Körper?

Lange glaubten wir, dass dabei vor allem die Gene Regie führen. Heute wissen wir, dass die Geschichte komplexer ist. Zwischen den Zellen existiert eine Welt, die erstaunlich lange kaum Beachtung fand. Ein Netzwerk aus Kollagen, Wasser, Proteinen und Bindegewebe.

Die Faszien.

Früher galten sie als Verpackungsmaterial. Etwas, das Chirurgen zur Seite schieben mussten, um an den Organen zu operieren. Etwas, das Anatomen entfernten, um endlich die «wirklich wichtigen» Strukturen betrachten zu können. Ironischerweise entfernte man damit genau jenes Gewebe, das nahezu alles miteinander verbindet.

Sind Faszien mehr als nur Bindegewebe?

Wenn man sich vorstellt, der Körper wäre eine Stadt, dann sind die Faszien nicht die Häuser oder Menschen, sondern die Strassen, Brücken, Kanäle sowie Wasser- und Stromleitungen. Sie bestimmen, welche Wege möglich sind, wo Informationen fliessen und wo Kräfte übertragen werden.

Kein Muskel arbeitet für sich allein. Kein Organ existiert isoliert.

Jede Bewegung verteilt Zugkräfte durch ein zusammenhängendes Netzwerk. Wenn wir gehen, bewegt sich nicht einfach das Bein. Der ganze Körper arbeitet über das fasziale Netzwerk zusammen.

Faszien sind weit mehr als eine mechanische Hülle. Sie gehören zu den nervenreichsten Geweben unseres Körpers. Sie registrieren Druck, Dehnung, Temperatur und Vibration. Sie helfen unserem Gehirn ständig dabei zu erkennen, wo und in welcher Form wir uns im Raum befinden.

Können Faszien elektrische Signale erzeugen?

Noch spannender wird es, wenn wir das Kollagen betrachten. Kollagen ist das häufigste Protein unseres Körpers. Es verleiht Knochen ihre Belastbarkeit, Sehnen ihre Zugfestigkeit und bildet einen grossen Teil unserer Faszien.

Doch Kollagen besitzt eine bemerkenswerte physikalische Eigenschaft. Es ist piezoelektrisch. Ein kompliziertes Wort für einen verblüffend einfachen Effekt. Wird Kollagen gedehnt oder zusammengedrückt, entstehen winzige elektrische Spannungen. Mit anderen Worten: Jede Bewegung. Jede Dehnung. Jede bewusste Berührung. Jede Atembewegung. Erzeugt kleinste elektrische Signale im Gewebe.

Viele Zellmembranen arbeiten selbst mit Spannungen von nur wenigen Millivolt. Deshalb könnten auch die sehr kleinen piezoelektrischen Spannungen im Kollagen biologisch bedeutsam sein.

Es knistert also tatsächlich ein kleines bisschen unter unserer Haut. Nicht genug, um eine Glühbirne zu betreiben. Aber vielleicht genug, damit Milliarden von Zellen miteinander kommunizieren können.

Kann Aufmerksamkeit die Physiologie verändern?

Gesundheit entsteht nicht dadurch, dass jedes Organ perfekt funktioniert. Gesundheit entsteht dort, wo Verbindung möglich ist. Zwischen Zellen. Zwischen Organen. Zwischen Nervensystem und Bindegewebe. Zwischen Bewegung und Wahrnehmung.

Das Kribbeln, Strömen, Pulsieren oder Fliessen ist eine reale körperliche Erfahrung. Doch das Gehirn unterdrückt normalerweise den grössten Teil dieser Körpersignale.

Wenn du still wirst und deine Aufmerksamkeit verfeinerst, entstehen möglicherweise nicht primär mehr Signale – vielmehr werden weniger Signale herausgefiltert. Du beginnst Dinge wahrzunehmen, die schon immer da waren: Blutfluss. Gewebespannungen. Pulswellen. Viszerale Signale. Neuronales Hintergrundrauschen. Und vielleicht auch elektromechanische Vorgänge im Gewebe.

Heute wissen wir, dass allein durch Aufmerksamkeit und bewusstes Hineinspüren messbare Veränderungen im Körper entstehen können. Die Durchblutung verändert sich, der Muskeltonus verändert sich, die Aktivität des autonomen Nervensystems verändert sich, die Hautleitfähigkeit verändert sich, die Gehirnaktivität verändert sich und auch die Interozeption – also die Wahrnehmung innerer Körperzustände – nimmt zu.

Schon wenn du deine Aufmerksamkeit für einige Minuten auf eine Hand richtest, kann die lokale Durchblutung zunehmen und die Hand wärmer werden. Gerichtete Aufmerksamkeit verändert also nicht nur die Wahrnehmung. Sie verändert auch Physiologie.

Gibt es eine Verbindung zwischen Faszien und Meridianen?

Seit Jahrtausenden beschreibt die chinesische Medizin Leitbahnen, in denen Qi fliesst. Lange wurde darüber diskutiert, welche anatomischen oder physiologischen Strukturen diesen Meridianen zugrunde liegen könnten. Immer mehr Forschende entdecken erstaunliche Überschneidungen zwischen den grossen faszialen Zuglinien und den klassischen Meridianverläufen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Faszien und Meridiane identisch sind. Aber vielleicht sprechen zwei Kulturen über denselben Berg. Die eine beschreibt seine Gesteinsschichten. Die andere seine Wanderwege.

Was kann QiGong aus Sicht der modernen Biologie bewirken?

Die moderne Biologie zeigt uns mit beeindruckender Präzision, wie Zellen kommunizieren. Die chinesische Medizin erinnert uns daran, den Menschen nicht in Einzelteile zu zerlegen. Beides zusammen ergibt ein erstaunlich vollständiges Bild. Nicht vollständig im Sinne von abgeschlossen. Sondern vollständig genug, um neugierig zu bleiben.

Wenn ich heute QiGong unterrichte, denke ich manchmal an diese erste Zelle. Weil sie mich daran erinnert, dass unser Körper seit dem ersten Augenblick seines Lebens eine erstaunliche Fähigkeit besitzt, Ordnung aus scheinbarem Chaos entstehen zu lassen.

Genau das ist Leben. Nicht Perfektion. Sondern ein ununterbrochener Dialog zwischen Milliarden von Zellen, die sich gegenseitig zuhören. Und vielleicht besteht unsere Aufgabe gar nicht darin, diesen Dialog ständig zu verbessern.

Vielleicht genügt es manchmal, wieder still genug zu werden, um ihn wahrzunehmen.

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