Tantramassage zwischen Vertrauen, Verantwortung und Öffentlichkeit
In den letzten Monaten ist die Tantramassage in der Schweiz verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Auslöser dafür war eine Fernsehsendung, die Missstände und Machtmissbrauch an einer Ausbildungsinstitution thematisierte. Die anschliessende Diskussion reichte weit über die betroffene Schule hinaus: Sie stellte die gesamte Szene der körperorientierten und tantrischen Arbeit auf den Prüfstand.
Für viele Menschen, die in diesem Feld verantwortungsvoll arbeiten, war diese Berichterstattung ein Weckruf – aber auch eine Chance, über Ethik, Grenzen und Verantwortung in Lern- und Heilungsräumen zu sprechen.
Dieser Artikel möchte dazu beitragen, die Ereignisse einzuordnen, ohne zu werten, und aufzuzeigen, weshalb eine differenzierte Sicht auf die Tantramassage für die Gesellschaft wichtig ist.
2. Medienberichterstattung und Reaktionen
Die Fernsehreportage, die im Herbst 2025 ausgestrahlt wurde, berichtete über Vorwürfe von Grenzverletzungen in einer Schule für tantrische Körperarbeit. Mehrere ehemalige Teilnehmende schilderten ihre Erlebnisse. Daraufhin folgten Reaktionen von verschiedenen Seiten: Ausbildungsinstitute, Berufsverbände und Praktizierende äusserten sich in Stellungnahmen und Briefen.
Während einige Institutionen die Darstellung in den Medien kritisierten, betonten andere die Notwendigkeit, Missstände ernst zu nehmen und Strukturen zu überprüfen.
Unabhängig davon, wie die Vorwürfe im Einzelnen zu bewerten sind, zeigte sich: Das Thema „Macht und Verantwortung“ ist zentral, sobald es um Körper, Sexualität und Ausbildung geht.
3. Was Tantramassage in der Schweiz wirklich bedeutet
Tantramassage ist in der Schweiz ein noch junges, aber wachsendes Berufsfeld. Im Kern steht dabei nicht Erotik, sondern achtsame Berührung als Form der Selbstwahrnehmung, der Entspannung und der emotionalen Integration.
Professionell ausgeübte Tantramassage basiert auf klaren ethischen Richtlinien, transparenten Rahmenbedingungen und einem respektvollen, nicht-wertenden Menschenbild.
Viele Ausbildungen integrieren heute Grundlagen aus Körpertherapie, Psychologie und Energetik. Ziel ist, Berührung als ganzheitlichen Zugang zu verstehen – zu Körper, Geist und Seele.
Dabei gelten dieselben Prinzipien wie in jeder Form professioneller Körperarbeit: Ein sicherer Rahmen, Einverständnis, Transparenz und Reflexion.
4. Macht, Vertrauen und Verantwortung in Lernräumen
Lernräume für tantrische oder körperorientierte Arbeit sind besonders sensibel, weil sie mit Intimität, Emotionen und Körperlichkeit zu tun haben. Menschen öffnen sich dort oft in einer Weise, die sie in keinem anderen Kontext tun.
Das erzeugt Vertrauen – und damit auch Verantwortung.
Wo Menschen in Rollen wie Lehrende oder Ausbildende treten, entsteht automatisch ein Machtgefälle. Diese Dynamik ist an sich nichts Negatives, aber sie muss bewusst gehalten werden.
Professionelle Schulen und Verbände tragen hier eine doppelte Verantwortung: einerseits für die fachliche Qualität, andererseits für die emotionale Sicherheit der Teilnehmenden.
5. Menschliche Dimension & systemische Perspektive
Die aktuelle Diskussion zeigt, wie komplex die Dynamiken in Lern- und Heilungsräumen sind. Vertrauen, Verletzlichkeit und Projektion spielen eine grosse Rolle.
Viele Menschen kommen in tantrische Räume mit Sehnsucht nach Heilung oder tiefer Verbindung. In dieser Offenheit kann sich Macht auf subtile Weise verschieben – manchmal unbemerkt, manchmal unreflektiert.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass Lehrende über die psychologischen Grundlagen solcher Prozesse Bescheid wissen. Wer tantrisch arbeitet, arbeitet auch mit emotionalen und manchmal traumatischen Schichten des Menschseins.
Eine traumasensible Haltung bedeutet, dass Signale von Überforderung, Dissoziation oder Angst erkannt und respektiert werden. Dazu gehören Wissen über Nervensystemregulation, Grenzen und Nachsorge.
Solche Kompetenzen sollten Bestandteil jeder professionellen Ausbildung sein – nicht als Misstrauensmassnahme, sondern als Beitrag zur Qualität und Menschlichkeit der Arbeit.
6. Gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Tantramassage
Tantramassage ist mehr als eine Methode der Entspannung. Sie ist Teil einer grösseren Bewegung hin zu einer Kultur der Achtsamkeit und des Körperbewusstseins.
In einer Zeit, in der viele Menschen unter digitaler Distanz, Leistungsdruck und Vereinsamung leiden, kann bewusste Berührung eine heilende Kraft entfalten.
Professionelle Tantramassage hilft Menschen, den eigenen Körper wieder als Quelle von Vertrauen und Präsenz zu erleben. Sie kann Scham lösen, Stress reduzieren und das Gefühl von Selbstakzeptanz stärken.
Damit steht sie in Verbindung zu Themen wie Sexualpädagogik, Traumaheilung und mentaler Gesundheit – und kann, richtig verstanden, einen wertvollen Beitrag zur Gesundheitsförderung leisten.
Leider ist Tantramassage gesellschaftlich oft missverstanden. Die Vermischung mit erotischen Angeboten führt leicht zu Vorurteilen. Umso wichtiger sind Transparenz, klare Kommunikation und professionelle Standards.
Je offener und differenzierter die öffentliche Diskussion geführt wird, desto eher können solche Missverständnisse abgebaut werden.
7. Umgang mit Kritik und öffentlicher Wahrnehmung
Kritik an Ausbildungsinstitutionen oder Praktizierenden ist unangenehm, aber notwendig. Sie bietet die Chance, zu prüfen, wo Prozesse verbessert werden können.
Ein konstruktiver Umgang bedeutet, Vorwürfe ernst zu nehmen, unabhängig untersuchen zu lassen und betroffene Personen zu schützen – ohne vorschnelle Schuldzuweisungen.
Gerade in körperbezogenen Berufen ist es wichtig, Räume für Feedback, Supervision und ethische Reflexion zu schaffen.
Berufsverbände spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie können Mindeststandards definieren, Ethikkommissionen einsetzen und Weiterbildung in Kommunikation und Trauma-Sensibilität fördern.
Offene Diskussionen helfen, Vertrauen zurückzugewinnen – sowohl innerhalb der Szene als auch in der Öffentlichkeit.
8. Selbstregulation und kollektives Lernen
Jede Krise birgt die Möglichkeit zu lernen.
Die aktuelle Debatte kann als Einladung verstanden werden, Strukturen zu überdenken und neue Formen der Selbstregulation zu entwickeln.
Dazu gehört:
Transparente Kommunikation bei Konflikten
Externe Begleitung bei Aufarbeitungen
Klare, zugängliche Beschwerdewege
Austausch zwischen Ausbildungsstätten, Praktizierenden und Verbänden
Fortbildung in Ethik, Grenzarbeit und Traumawissen
Nur wenn Verantwortung geteilt wird, kann Vertrauen wachsen. Eine Szene, die bereit ist, ihre eigenen Lernfelder anzuerkennen, wird langfristig glaubwürdiger und stärker.
Ich persönlich beobachte diese Entwicklungen mit grosser Aufmerksamkeit.
Ich habe erlebt, wie Menschen durch achtsame Berührung wieder Vertrauen in sich selbst gewinnen. Genau deshalb liegt mir die Qualität dieses Feldes so am Herzen.
Neutralität heisst für mich nicht, wegzuschauen – sondern offen zu bleiben, zuzuhören und zu lernen.
9. Vision: Eine bewusste Kultur der Berührung
Wie könnte eine zukunftsfähige Praxis der Tantramassage aussehen?
Vielleicht so:
Räume, in denen Sinnlichkeit, Spiritualität und Heilung gleichermassen Platz haben.
Ausbildungen, die Ethik, Embodiment und Verantwortung lehren – ebenso wie Technik.
Institutionen, die offen mit Fehlern umgehen und daraus wachsen.
Gesellschaften, die Berührung nicht tabuisiert, sondern kultiviert.
Tantramassage kann ein Modell dafür sein, wie Menschen wieder Verbindung erleben – mit sich selbst, miteinander und mit dem Leben.
Sie erinnert daran, dass Berührung ein menschliches Grundbedürfnis ist, das Würde und Bewusstsein verlangt.
10. Fazit
Die Diskussion um Machtmissbrauch und Verantwortung im Bereich der Tantramassage ist wichtig, schmerzhaft und notwendig.
Sie führt uns vor Augen, dass Vertrauen und Achtsamkeit keine Selbstverständlichkeit sind, sondern fortlaufende Praxis.
Wer professionell mit Körper und Sexualität arbeitet, trägt Verantwortung – für sich selbst, für seine Klient:innen und für das Bild dieser Arbeit in der Öffentlichkeit.
Kritik sollte nicht als Angriff verstanden werden, sondern als Einladung zu mehr Bewusstsein.
Wenn Tantramassage in der Schweiz als ernsthafte, ethisch reflektierte Form von Körperarbeit verstanden wird, kann sie einen echten Beitrag leisten – zur Heilung, zur Selbstannahme und zu einer menschlicheren Gesellschaft.
Über den Autor
Marc Walter
Tantramasseur, QiGong-Lehrer und Humanbiologe MSc.
Marc begleitet Menschen in achtsamer Körperarbeit und unterrichtet QiGong und Meditation.
In seiner Arbeit verbindet er wissenschaftliches Verständnis mit erfahrungsorientierter Präsenz – mit dem Ziel, Bewusstsein, Vertrauen und Selbstwahrnehmung zu fördern.