Die verschiedenen Arten von QiGong – welches QiGong passt zu dir?
Wer mit QiGong beginnt, stellt oft schnell fest: QiGong ist nicht gleich QiGong. Manche Übungen sind ruhig und meditativ, andere dynamisch und kräftigend. Einige Formen konzentrieren sich besonders auf Gesundheit und Wohlbefinden, andere auf innere Entwicklung, Kampfkunst oder die Kultivierung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein.
Viele Menschen fragen mich deshalb: Welches QiGong ist das richtige für mich? Oder: Welche QiGong-Art eignet sich für Anfänger?
Die Antwort ist einfacher, als man vielleicht denkt. Denn wichtiger als die Suche nach der „besten“ Methode ist eine Praxis, die zu dir, deinem Körper und deiner Lebenssituation passt – und die du gerne regelmässig übst.
Zunächst lohnt sich jedoch ein Blick auf die erstaunliche Vielfalt des QiGong.
Wie viele QiGong-Arten gibt es?
Über Jahrhunderte haben sich in China zahlreiche QiGong-Schulen, Lehrerlinien und Übungssysteme entwickelt. Je nachdem, wie einzelne Übungen, Varianten und Traditionen gezählt werden, ist von mehreren Tausend unterschiedlichen Formen die Rede.
Ähnlich wie im Yoga oder in der Meditation gibt es deshalb nicht „das eine QiGong“.
Hinter der grossen Vielfalt finden sich jedoch immer wieder ähnliche Grundprinzipien: Haltung und Bewegung, Atmung, Entspannung, Aufmerksamkeit und die Kultivierung des Qi.
Die einzelnen Systeme setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Genau das macht QiGong so vielseitig: Eine Praxis kann sehr körperlich beginnen und mit zunehmender Erfahrung immer meditativer werden.
Bewegtes und stilles QiGong
Eine grundlegende Unterscheidung ist jene zwischen bewegtem QiGong (Dong Gong) und stillem QiGong (Jing Gong).
Beim bewegten QiGong wird mit fliessenden oder wiederkehrenden Bewegungsabläufen gearbeitet. Der Körper wird mobilisiert, Koordination und Körperwahrnehmung werden geschult und die Atmung kann sich zunehmend mit der Bewegung verbinden.
Zu den bekannten bewegten Übungssystemen gehören beispielsweise die 8 Brokate (Ba Duan Jin) oder viele Formen des medizinischen und daoistischen QiGong.
Beim stillen QiGong wird die äussere Bewegung reduziert. Im Vordergrund stehen Körperwahrnehmung, Atem, Aufmerksamkeit und Meditation. Die Praxis kann im Stehen, Sitzen oder Liegen stattfinden. Ein bekanntes Beispiel ist das Stehen wie ein Baum (Zhan Zhuang).
Bewegung und Stille sind dabei keine Gegensätze. In vielen traditionellen Übungswegen ergänzen sie sich: Die Bewegung hilft, den Körper zu öffnen und Spannungen wahrzunehmen, während die Stille eine immer feinere Wahrnehmung ermöglicht.
Weiches und kraftvolles QiGong
Eine weitere Unterscheidung findet sich zwischen weichem QiGong (Rou Gong) und kraftvolleren beziehungsweise sogenannten harten Formen (Ying Gong).
Weiches QiGong arbeitet vor allem mit Entspannung, Durchlässigkeit und fliessenden Bewegungen. Viele der heute als Gesundheits-QiGong praktizierten und meditativen Formen lassen sich diesem Bereich zuordnen.
Kraftvollere Formen können dagegen gezielt mit Muskelspannung, Körperstruktur, Atem und Konditionierung arbeiten. Historisch finden sich solche Praktiken insbesondere im Umfeld chinesischer Kampfkünste.
In den meisten heutigen QiGong-Kursen stehen sanfte und fliessende Übungen im Vordergrund. Sie lassen sich häufig an unterschiedliche körperliche Voraussetzungen und Altersgruppen anpassen.
Welche Arten von QiGong gibt es?
Neben der Art der Bewegung können QiGong-Systeme auch danach unterschieden werden, welchen Schwerpunkt sie setzen. Die Grenzen sind dabei fliessend: Eine Übungsform kann gleichzeitig gesundheitliche, meditative und spirituelle Aspekte enthalten.
Gesundheits-QiGong
Gesundheitsorientiertes QiGong ist im Westen besonders verbreitet. Sanfte Bewegungen, bewusste Atmung und Entspannung werden miteinander verbunden.
Viele Menschen praktizieren QiGong als Ausgleich zum Alltag, zur Förderung von Beweglichkeit und Körperwahrnehmung oder um Momente von Ruhe und Entspannung in ihr Leben zu integrieren.
Bekannte Übungssysteme sind beispielsweise die 8 Brokate, die 5 Tiere (Wu Qin Xi) oder verschiedene Formen des medizinischen QiGong.
Meditatives QiGong
Beim meditativen QiGong stehen innere Wahrnehmung, Ruhe und Aufmerksamkeit stärker im Vordergrund.
Dazu gehören Atemübungen, stille Übungen im Sitzen oder Stehen sowie die Arbeit mit traditionellen Konzepten wie dem Dantian – insbesondere dem unteren Dantian im Bauchraum.
Mit zunehmender Erfahrung kann die äussere Bewegung immer kleiner werden, während die innere Wahrnehmung feiner wird.
Daoistisches und buddhistisches QiGong
In daoistischen und buddhistischen Traditionen können körperliche und energetische Übungen Teil eines umfassenderen spirituellen Übungsweges sein.
Hier geht es nicht nur um körperliches Wohlbefinden, sondern auch um die Schulung von Aufmerksamkeit, Geist und Bewusstsein. Je nach Tradition können Meditation, Atemarbeit, Visualisation und unterschiedliche Formen innerer Kultivierung eine Rolle spielen.
Die heute unter dem Sammelbegriff „QiGong“ praktizierten Übungen haben allerdings unterschiedliche historische Ursprünge. Nicht jede traditionelle chinesische Übung wurde ursprünglich als QiGong bezeichnet.
Kampfkunst-QiGong
In chinesischen Kampfkünsten werden Atem, Körperstruktur, Aufmerksamkeit und Bewegung ebenfalls gezielt geschult.
QiGong-ähnliche Übungen können dabei eingesetzt werden, um Stabilität, Koordination, Kraftübertragung und Körperkontrolle zu entwickeln. Die Grenzen zwischen QiGong und inneren Kampfkünsten wie Taijiquan können deshalb teilweise fliessend sein.
Welches QiGong eignet sich für Anfänger?
Für Anfänger ist normalerweise nicht entscheidend, möglichst schnell eine komplexe oder besonders „fortgeschrittene“ Form zu lernen.
Wichtiger sind einfache Bewegungsabläufe, eine gute Anleitung und genügend Zeit, um Haltung, Atmung und Wahrnehmung miteinander zu verbinden.
Aus meiner Erfahrung eignen sich beispielsweise die 6 Harmonien, die 8 Brokate oder die 8 Diamanten sehr gut als Einstieg. Sie verbinden Bewegung, Atmung und Aufmerksamkeit auf eine zugängliche Weise und lassen sich Schritt für Schritt vertiefen.
Auch Menschen, die sich unbeweglich fühlen oder bisher wenig Erfahrung mit Meditation oder Körperarbeit haben, können mit QiGong beginnen. Es geht nicht darum, Bewegungen möglichst perfekt auszuführen.
Die Qualität der Praxis entsteht vielmehr aus der Verbindung von Bewegung, Entspannung, Atem und Aufmerksamkeit.
Welches QiGong passt zu mir?
Wenn du dich zwischen verschiedenen QiGong-Arten entscheiden möchtest, können einige einfache Fragen helfen:
Möchtest du vor allem deinen Körper bewegen und entspannen?
Dann kann ein sanftes, bewegtes Gesundheits-QiGong ein guter Einstieg sein.
Suchst du mehr Ruhe und Meditation?
Dann könnten stilles QiGong, Atemübungen oder eine Praxis mit stärkerem Fokus auf innere Wahrnehmung zu dir passen.
Interessierst du dich für chinesische Philosophie und traditionelle Übungswege?
Dann können daoistische oder buddhistisch geprägte Formen besonders spannend sein.
Möchtest du Kraft, Struktur und Koordination entwickeln?
Dann können dynamischere QiGong-Formen oder die Verbindung mit Taijiquan und chinesischer Kampfkunst interessant sein.
Am Ende lässt sich die passende Form aber selten allein durch Lesen finden. QiGong muss erfahren werden. Oft merkt der Körper ziemlich schnell, ob eine bestimmte Art des Übens stimmig ist.
QiGong als lebenslanger Weg
Trotz der vielen unterschiedlichen Stile begegnen uns im QiGong immer wieder ähnliche Prinzipien: Präsenz, Wahrnehmung, Entspannung, Bewegung und die bewusste Verbindung von Körper und Geist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht gar nicht:
„Welches QiGong ist das beste?“
Sondern vielmehr:
„Welche Praxis lädt mich ein, regelmässig zurückzukehren?“
Denn die Qualität des QiGong entsteht nicht durch die Anzahl der Übungen, die wir kennen, sondern durch die Kontinuität und Tiefe, mit der wir üben.
Eine einfache Bewegung, die über Jahre immer wieder erforscht wird, kann dadurch zunehmend neue Ebenen offenbaren.
Mit der Zeit wird QiGong weniger zu einer Technik und mehr zu einer Haltung dem Leben gegenüber – aufmerksam, entspannt, lebendig und präsent.
QiGong Kurse in Bern und Jegenstorf
Wenn du herausfinden möchtest, welche Form des QiGong zu dir passt, bist du herzlich eingeladen, QiGong selbst kennenzulernen.
In meinen QiGong Kursen in Bern und Jegenstorf vermittle ich unterschiedliche traditionelle Übungssysteme und verbinde Bewegung mit Atem, Körperwahrnehmung und meditativen Elementen. Die Kurse eignen sich je nach Angebot sowohl für Anfänger als auch für Menschen mit QiGong-Erfahrung.
Zu den von mir unterrichteten Formen gehören unter anderem die 6 Harmonien, 8 Brokate, 8 Diamanten, Organübungen, Rücken-QiGong und weitere medizinische und meditative QiGong-Übungen.
Wenn du neu einsteigst, musst du dich also nicht zuerst für „das richtige QiGong“ entscheiden. Du kannst verschiedene Formen kennenlernen und mit der Zeit herausfinden, welche Praxis deinem Körper und deinem Wesen entspricht.
Mehr über die aktuellen Kurse, Zeiten und Orte findest du unter QiGong Bern – Kurse mit Marc Walter.
Marc Walter
Humanbiologe MSc. | QiGong-Lehrer | Meditationsbegleiter