Warum Tee trinken und QiGong gut zusammenpassen
Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu meinen QiGong-Stunden kommen, steht oft bereits eine Kanne Tee bereit. Manche schenken sich zuerst eine Tasse ein, andere wärmen ihre Hände daran oder geniessen einfach den Duft, bevor wir mit den Übungen beginnen. Es ist ein ruhiger Moment des Ankommens. Der Alltag darf für einen Augenblick in den Hintergrund treten, der Körper landet langsam im Raum und die Aufmerksamkeit richtet sich nach innen.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb Tee und QiGong seit Jahrhunderten so gut zusammenpassen.
Natürlich muss niemand Tee trinken, um QiGong zu praktizieren. Doch über die Jahre habe ich festgestellt, dass eine gute Tasse Tee den Übergang vom Tun ins Sein unterstützen kann. Sie lädt uns ein, etwas langsamer zu werden, die Sinne zu öffnen und bewusster wahrzunehmen, was gerade da ist.
In der chinesischen Medizin wird Tee seit Jahrhunderten geschätzt. Besonders Grüntee wird als unterstützend für die Leber betrachtet. Die Leber hat die Aufgabe, das Qi im Körper frei und harmonisch fliessen zu lassen. Wenn dieser Fluss gestört ist, fühlen wir uns häufig angespannt, gereizt oder innerlich blockiert. Kann das Qi hingegen frei zirkulieren, erleben wir oft mehr Beweglichkeit, Gelassenheit und Lebendigkeit. Genau diese Qualitäten kultivieren wir auch im QiGong.
Spannend ist, dass moderne wissenschaftliche Untersuchungen ebenfalls zahlreiche positive Wirkungen von Tee beschreiben. Tee enthält eine grosse Menge an Antioxidantien, die unsere Zellen vor oxidativem Stress schützen können. Viele Forschende vermuten, dass dies einer der Gründe sein könnte, weshalb regelmässiger Teekonsum mit gesundem Altern und Langlebigkeit in Verbindung gebracht wird. Für Menschen, die QiGong als Weg zur Gesundheitsförderung und Vitalität praktizieren, ist das natürlich besonders interessant.
Noch faszinierender finde ich jedoch eine Aminosäure, die fast ausschliesslich in der Teepflanze vorkommt: L-Theanin. Sie scheint einen Zustand zu fördern, den viele Meditierende gut kennen. Der Geist wird ruhiger, ohne müde zu werden. Die Aufmerksamkeit bleibt klar und wach, während gleichzeitig innere Anspannung nachlassen kann. Es entsteht eine Art entspannte Wachheit – genau jener Zustand, den viele Menschen während einer gelungenen QiGong-Praxis erleben.
Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Tee die Produktion des Neurotransmitters Dopamin unterstützt. Dopamin wird oft als Motivations- oder Antriebsstoff bezeichnet. Vereinfacht gesagt hilft es uns, Dinge mit Freude und Interesse anzugehen. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb eine gute Tasse Tee manchmal Lust macht, sich zu bewegen, zu üben oder kreativ zu werden.
Besonders spannend finde ich neuere Forschungen zu sogenannten Flavanolen, pflanzlichen Inhaltsstoffen, die unter anderem in Tee vorkommen. In einigen Studien zeigten Tiere, die flavanolreiche Substanzen erhielten, Verbesserungen bei Lern- und Gedächtnisleistungen sowie eine höhere körperliche Aktivität. Die Forschenden vermuten, dass bestimmte Pflanzenstoffe positive Auswirkungen auf Gehirn und Nervensystem haben könnten. Auch wenn solche Ergebnisse nicht eins zu eins auf Menschen übertragen werden können, zeigen sie doch, dass Tee weit mehr ist als einfach nur ein aromatisches Getränk.
Doch vielleicht liegt die grösste Wirkung von Tee gar nicht in seinen Inhaltsstoffen. Vielleicht liegt sie darin, wie wir ihn trinken.
In Taiwan gibt es eine besondere Form der Teekultur namens Wu Wo Cha Hui. Übersetzt bedeutet dies etwa «Teezeremonie ohne Ego». Dabei geht es nicht darum, den teuersten Tee zu besitzen oder sein Wissen über Teesorten zu präsentieren. Vielmehr wird gemeinsam ein Raum geschaffen, in dem Präsenz, Achtsamkeit und Einfachheit im Mittelpunkt stehen.
Wenn wir eine Tasse Tee bewusst trinken, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Farbe des Aufgusses, den Duft der Blätter, die Wärme der Tasse in den Händen und die feinen Geschmacksnuancen auf der Zunge. Für einen Moment müssen wir nichts erreichen. Nichts verbessern. Nichts lösen. Wir sind einfach da.
Der daoistische Weise Lie Zi sagte einst: „Den Augen zu erlauben zu sehen, reinigt das Sehen. Den Ohren zu erlauben zu hören, reinigt das Hören.“ Vielleicht könnte man ergänzen: Dem Tee beim ziehen zuzusehen, reinigt die Aufmerksamkeit.
Genau darin begegnen sich Tee, Meditation und QiGong. Nicht als Techniken, um etwas zu erreichen, sondern als Einladungen, einen Moment lang vollständig im gegenwärtigen Augenblick anzukommen.
Deshalb empfehle ich meinen QiGong-Schülerinnen und Schülern nicht nur, Tee zu trinken. Ich empfehle ihnen, Tee langsam zu trinken. Mit offenen Sinnen. Mit etwas Neugier. Und vielleicht mit derselben Präsenz, mit der sie ihre nächste QiGong-Übung ausführen.
Vielleicht sehen wir uns schon bald bei einer Tasse Tee. In meinen QiGong- und Meditationskursen in Bern und Jegenstorf schaffen wir gemeinsam Raum für Ruhe, Präsenz und neue Energie im Alltag.