Tantramassage in der Schweiz: UBI-Entscheid zur SRF-Reportage
Aktualisiert: März 2026
Die öffentliche Diskussion über Tantra Massage in der Schweiz hat in den vergangenen Monaten deutlich an Intensität gewonnen. Auslöser war eine Reportage des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), in der Vorwürfe von Machtmissbrauch an einer Zürcher Tantra-Schule thematisiert wurden. Die Berichterstattung hat nicht nur die betroffene Institution, sondern die gesamte Szene der tantrischen Körperarbeit in den Fokus gerückt und grundlegende Fragen zu Verantwortung, Ethik und professionellen Standards aufgeworfen.
Mit dem aktuellen Entscheid der Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) erhält diese Debatte nun eine neue Perspektive. Die Instanz hat die Beschwerden gegen die SRF-Reportage vollumfänglich gutgeheissen und damit festgestellt, dass die journalistische Umsetzung den Anforderungen an eine sachgerechte Berichterstattung nicht genügte. Insbesondere wurden eine einseitige Darstellung, eine selektive Auswahl von Quellen sowie das unzureichende Einbeziehen von Gegenstimmen kritisiert. Auch die fehlende Konfrontation mit zentralen Vorwürfen sowie die nicht angemessene Berücksichtigung von Stellungnahmen der Betroffenen wurden als Verstösse gegen die journalistische Sorgfaltspflicht gewertet.
Dieser Entscheid ist nicht nur für die unmittelbar Beteiligten von Bedeutung, sondern hat auch eine weiterreichende Wirkung auf die Medienlandschaft in der Schweiz. Er unterstreicht die zentrale Rolle von Ausgewogenheit, Transparenz und differenzierter Darstellung – insbesondere bei sensiblen Themenfeldern wie Körperarbeit, Intimität und persönlicher Entwicklung. Gerade in Bereichen, in denen emotionale und körperliche Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen, ist eine sorgfältige und verantwortungsvolle Berichterstattung entscheidend für eine faire öffentliche Meinungsbildung.
Gleichzeitig wirft die Diskussion ein Schlaglicht auf die Tantra Massage selbst, ein Berufsfeld, das in der Schweiz weiterhin wächst und sich entwickelt. Tantramassage wird häufig missverstanden oder vorschnell mit erotischen Dienstleistungen gleichgesetzt, obwohl sie in ihrer professionellen Form auf Achtsamkeit, Körperwahrnehmung und persönlicher Entwicklung basiert. Seriöse Anbieter arbeiten mit klar definierten Rahmenbedingungen, einem hohen Mass an Transparenz sowie einem respektvollen und nicht wertenden Menschenbild. In diesem Kontext gewinnt die klare Kommunikation über Inhalte, Methoden und ethische Grundlagen zunehmend an Bedeutung.
Die Ereignisse rund um die Berichterstattung und den UBI-Entscheid verstärken zudem einen bereits bestehenden Trend innerhalb der Branche: den Fokus auf Qualität, Ethik und Professionalität. Ausbildungsinstitute und Praktizierende setzen sich intensiver mit Themen wie Grenzarbeit, Verantwortung und traumasensibler Begleitung auseinander. Gerade weil Tantramassage mit Nähe, Vertrauen und oft auch mit tiefen emotionalen Prozessen verbunden ist, sind fundierte Kenntnisse in Psychologie, Körperarbeit und Nervensystemregulation wichtig. Eine professionelle Praxis erfordert daher nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch ein hohes Mass an Selbstreflexion und Verantwortungsbewusstsein.
Die Debatte macht zudem deutlich, wie komplex die Dynamiken in Lern- und Heilungsräumen sind. Menschen, die solche Angebote aufsuchen, bringen häufig eine grosse Offenheit und Verletzlichkeit mit. Daraus entstehen wertvolle Möglichkeiten für persönliche Entwicklung, gleichzeitig aber auch besondere Anforderungen an die Gestaltung sicherer und klarer Rahmenbedingungen. Vertrauen bildet dabei die Grundlage jeder seriösen Arbeit – und genau dieses Vertrauen muss kontinuierlich gepflegt und geschützt werden.
Sowohl externe als auch interne Mechanismen spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Institutionen wie die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen tragen dazu bei, journalistische Standards zu sichern und mediale Qualität zu überprüfen. Innerhalb der Branche wiederum gewinnen klare Ethikrichtlinien, transparente Beschwerdestrukturen sowie kontinuierliche Weiterbildung zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklungen sind nicht als Reaktion auf einzelne Vorfälle zu verstehen, sondern als Ausdruck eines generellen Reifungsprozesses.
Darüber hinaus berührt die Diskussion eine grundlegende gesellschaftliche Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit Berührung, Körperlichkeit und Intimität um? In einer Zeit, die stark von Digitalisierung, Beschleunigung und zunehmender Distanz geprägt ist, wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach echter Verbindung und körperlicher Präsenz. Professionelle Tantramassage kann in diesem Kontext einen Beitrag leisten, indem sie Räume schafft, in denen Menschen ihren Körper bewusst wahrnehmen und Vertrauen in sich selbst entwickeln können. Voraussetzung dafür ist jedoch eine klare Positionierung, die sich durch Transparenz, Professionalität und ethische Verantwortung auszeichnet.
Der Entscheid der Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen markiert somit einen wichtigen Moment innerhalb einer laufenden Entwicklung. Er zeigt, wie bedeutsam eine differenzierte Betrachtung sowohl in der medialen Darstellung als auch innerhalb der Praxis selbst ist. Die Auseinandersetzung mit Kritik, Verantwortung und Qualität kann langfristig dazu beitragen, das Vertrauen in die Tantramassage zu stärken und ihre Rolle als ernstzunehmende Form der Körperarbeit klarer zu definieren.
Die aktuelle Situation verdeutlicht, dass Vertrauen, Achtsamkeit und Verantwortung keine statischen Zustände sind, sondern kontinuierlich gepflegt werden müssen. Gerade in einem sensiblen Feld wie der Tantramassage liegt darin nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und einen bewussten Beitrag zu einer reflektierten und menschlicheren Kultur der Berührung zu leisten.
Über den Autor
Marc Walter ist Tantramasseur, QiGong-Lehrer und Humanbiologe MSc. In seiner Arbeit verbindet er wissenschaftliche Perspektiven mit erfahrungsorientierter Körperarbeit und begleitet Menschen auf dem Weg zu mehr Selbstwahrnehmung, Vertrauen und Bewusstsein.