Vom Ich zum Wir – Die Kraft der Meditation

Vom Ich zum Wir – Die Kraft der Meditation

Viele Menschen beginnen mit Meditation, weil sie sich Entspannung wünschen. Einen Moment der Ruhe. Weniger Gedanken. Vielleicht auch einen besonderen oder veränderten Bewusstseinszustand – einen sogenannten „altered state“.

Doch das tiefere Potenzial der Meditation liegt möglicherweise nicht in aussergewöhnlichen Zuständen, sondern in etwas viel Alltäglicherem und gleichzeitig Grundlegenderem: in der Veränderung unserer Art zu fühlen, wahrzunehmen und zu handeln.

Der Neurowissenschaftler Richard Davidson und der Psychologe Daniel Goleman unterscheiden in diesem Zusammenhang zwischen vorübergehenden altered states und längerfristigen altered traits: Eigenschaften und Verhaltensweisen, die sich durch kontinuierliche Praxis entwickeln können.

Doch was hat moderne Neurowissenschaft mit buddhistischen Wegen der Bewusstseinsentwicklung zu tun? Was geschieht, wenn Meditation nicht beim eigenen Wohlbefinden endet? Und kann eine Praxis, die zunächst nach innen führt, unsere Beziehung zu anderen Menschen verändern?

Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Reise der Meditation:

vom Ich zum Wir.

Vom Moment zur Wandlung

Meditation kann unseren momentanen Zustand verändern. Der Atem wird ruhiger, Gedanken verlieren für einen Augenblick ihre Dringlichkeit und wir nehmen den Körper wieder bewusster wahr.

Interessanter wird es jedoch, wenn wir über Monate und Jahre praktizieren.

Dann lautet die Frage nicht mehr nur:

„Wie fühle ich mich während der Meditation?“

Sondern:

„Wie verändert die Meditation die Art, wie ich meinem Leben und anderen Menschen begegne?“

Neurowissenschaftliche Forschung beschäftigt sich heute mit der Frage, wie Meditation mit Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung, Emotionsregulation und Mitgefühl zusammenhängt. Dabei zeigen sich interessante Parallelen zu Fragen, mit denen sich buddhistische Traditionen seit Jahrhunderten beschäftigen.

Die wissenschaftlichen Modelle und buddhistischen Lehren sind dabei nicht dasselbe. Sie können jedoch unterschiedliche Perspektiven auf menschliche Entwicklung eröffnen.

Der erste Schritt: nach innen

Viele buddhistische Meditationswege beginnen mit etwas erstaunlich Einfachem:

dem unmittelbaren Erleben des gegenwärtigen Moments.

Wir beobachten den Atem. Wir spüren den Körper. Wir nehmen Gedanken und Emotionen wahr, ohne ihnen sofort folgen zu müssen.

In meiner eigenen Meditationspraxis und in den Meditationen, die ich unterrichte, spielt diese somatische Dimension eine zentrale Rolle.

Somatisch bedeutet: Wir versuchen nicht nur, Meditation mit dem Kopf zu verstehen. Der Körper selbst wird zum Ort der Erfahrung.

Wie fühlt sich der Atem gerade an?

Wo sitzt Spannung?

Was geschieht im Bauch, wenn Angst auftaucht?

Wie verändert sich eine Emotion, wenn ich sie nicht sofort analysiere, sondern zunächst körperlich wahrnehme?

Dadurch kann sich allmählich eine feinere Wahrnehmung des eigenen inneren Erlebens entwickeln.

Verkörperte Achtsamkeit – was sagt die Neurowissenschaft?

Die moderne Forschung zeigt, dass Meditation mit Veränderungen in verschiedenen neuronalen Netzwerken verbunden sein kann. Besonders häufig untersucht werden Bereiche, die mit Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung, Emotionsregulation und selbstbezogenem Denken zusammenhängen.

Die Ergebnisse sind spannend – sollten aber nicht überinterpretiert werden. Meditation „programmiert“ das Gehirn nicht einfach neu und einzelne Hirnregionen haben niemals nur eine einzige Funktion.

Trotzdem zeigen sich einige interessante Muster.

Körperwahrnehmung und Insula

Die Insula spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung innerer körperlicher Signale. Dazu gehören beispielsweise Empfindungen, die mit Atmung, Herzschlag und anderen Zuständen des Körpers zusammenhängen.

Diese Fähigkeit wird als Interozeption bezeichnet.

Meditations- und Achtsamkeitsforschung deutet darauf hin, dass regelmässige Praxis die Wahrnehmung solcher inneren Signale beeinflussen kann.

Der Körper wird dadurch nicht einfach zu einem Objekt, das wir beobachten.

Er wird zu einem Erfahrungsraum.

Stress und Emotionsregulation

Auch die Amygdala und andere Netzwerke, die an der Verarbeitung emotional bedeutsamer Reize beteiligt sind, wurden in Meditationsstudien untersucht.

Einige Untersuchungen zeigen Zusammenhänge zwischen Achtsamkeitstraining und Veränderungen in der Stressreaktion sowie in Struktur oder Aktivität bestimmter Hirnregionen.

Das bedeutet nicht, dass Meditation Angst einfach „abschaltet“.

Vielmehr können wir möglicherweise lernen, eine Emotion früher wahrzunehmen und ihr anders zu begegnen.

Zwischen Reiz und Reaktion entsteht ein kleiner Raum.

Und manchmal verändert dieser kleine Raum sehr viel.

Weniger im Autopiloten

Ein weiteres interessantes Forschungsgebiet betrifft das sogenannte Default Mode Network (DMN).

Dieses Netzwerk ist unter anderem bei selbstbezogenem Denken und spontanem gedanklichem Abschweifen aktiv. Studien mit erfahrenen Meditierenden fanden Unterschiede in Aktivität und Vernetzung dieses Netzwerks.

Meditation bedeutet dabei nicht, keine Gedanken mehr zu haben.

Wir lernen vielmehr, Gedanken als Ereignisse im Bewusstsein wahrzunehmen – ohne jeden Gedanken sofort für die Realität halten zu müssen.

Vom Selbst zum Mitgefühl

Doch Meditation kann über die Erforschung des eigenen Erlebens hinausgehen.

In den Mahayana-Traditionen des Buddhismus rückt das Erwachen zum Wohle aller fühlenden Wesen besonders stark in den Mittelpunkt.

Eine zentrale Qualität dieses Weges ist Bodhicitta – häufig als erwachter Herz-Geist oder als Ausrichtung auf das Erwachen zum Wohle aller Wesen beschrieben.

Damit verändert sich die Perspektive.

Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich:

„Wie kann ich selbst freier werden?“

Sondern zunehmend:

„Wie kann meine eigene Entwicklung auch anderen Wesen zugutekommen?“

Diese Bewegung vom Ich zum Wir findet ihren Ausdruck unter anderem in Mitgefühls- und Liebende-Güte-Meditationen.

Die vier Unermesslichen

In buddhistischen Traditionen werden vier Qualitäten beschrieben, die bewusst kultiviert werden können – die vier Unermesslichen:

Liebe (Mettā/Maitrī) – der Wunsch, dass Wesen glücklich sein mögen.

Mitgefühl (Karuṇā) – die Fähigkeit, Leiden wahrzunehmen, verbunden mit dem Wunsch, dass Wesen davon frei sein mögen.

Mitfreude (Muditā) – die Fähigkeit, sich am Glück und Gelingen anderer zu erfreuen.

Gleichmut (Upekkhā/Upekṣā) – eine innere Stabilität, die Nähe ermöglicht, ohne sich vollständig von Anhaftung oder Abneigung bestimmen zu lassen.

Diese Qualitäten sind nicht nur schöne philosophische Ideale.

Sie können geübt werden.

Und genau hier wird die Verbindung zur modernen Forschung besonders interessant.

Kann man Mitgefühl trainieren?

Studien zu Compassion- und Loving-Kindness-Meditation legen nahe, dass gezieltes Mitgefühlstraining emotionale Prozesse und bestimmte neuronale Netzwerke beeinflussen kann.

Untersuchungen von Tania Singer, Antoine Lutz, Olga Klimecki und anderen Forschenden zeigen beispielsweise, dass sich durch entsprechendes Training die Reaktion auf das Leiden anderer verändern kann.

Das ist bemerkenswert.

Denn es bedeutet, dass Mitgefühl möglicherweise nicht einfach eine Persönlichkeitseigenschaft ist, die wir entweder besitzen oder nicht.

Mitgefühl kann kultiviert werden.

Meditation wird dadurch zu mehr als einer Methode zur persönlichen Entspannung.

Sie wird zu einer Schulung unserer Beziehungsfähigkeit.

Was Gamma-Wellen mit Meditation zu tun haben

Besonders bekannt wurde eine Untersuchung von Antoine Lutz und Kollegen an erfahrenen buddhistischen Meditierenden.

Während einer Mitgefühlsmeditation zeigten einige der langjährig Praktizierenden ausgeprägte Veränderungen hochfrequenter Gamma-Aktivität und Synchronisation.

Solche Ergebnisse sind faszinierend, sollten jedoch vorsichtig interpretiert werden. Gamma-Wellen sind kein direkter „Messwert für Erleuchtung“, und aus einzelnen EEG-Mustern lässt sich kein bestimmter spiritueller Entwicklungsstand ablesen.

Die Studien zeigen aber etwas grundsätzlich Spannendes:

Mentales und emotionales Training kann mit messbaren Veränderungen neuronaler Aktivität einhergehen.

Erfahrung hinterlässt Spuren.

Vom Ich zum Wir

An diesem Punkt berühren sich für mich somatische Meditation, buddhistische Praxis und moderne Neurowissenschaft auf besonders interessante Weise.

Wir beginnen vielleicht damit, unseren eigenen Atem wahrzunehmen.

Dann entdecken wir unseren Körper.

Wir erkennen Gedanken, Emotionen, Ängste und automatische Reaktionen.

Mit zunehmender Stabilität kann sich die Aufmerksamkeit öffnen.

Wir beginnen wahrzunehmen, dass auch andere Menschen ihre Ängste tragen. Dass auch sie Sicherheit suchen. Dass auch sie geliebt werden möchten. Dass auch sie leiden.

Die Grenze zwischen „meinem“ Leiden und „deinem“ Leiden wird dadurch nicht aufgehoben.

Aber vielleicht wird sie durchlässiger.

Aus Selbstwahrnehmung kann Mitgefühl entstehen.

Aus innerer Stabilität kann Beziehungsfähigkeit wachsen.

Aus dem Ich kann langsam ein Wir werden.

Meditation als sanfte Revolution

Vielleicht liegt darin eine der gesellschaftlich interessantesten Dimensionen von Meditation.

Wir leben in einer Kultur, die Individualität, Leistung und Selbstoptimierung stark betont. Gleichzeitig erleben viele Menschen Einsamkeit, Überforderung und soziale Polarisierung.

Meditation kann darauf keine einfache politische oder gesellschaftliche Antwort geben.

Aber sie kann die Art verändern, wie wir anderen Menschen begegnen.

Mitgefühl bedeutet dabei nicht Passivität.

Es bedeutet auch nicht, alles gutzuheißen oder keine Grenzen mehr zu setzen.

Mitgefühl bedeutet, das Menschliche im Gegenüber nicht aus den Augen zu verlieren – gerade dann, wenn Unterschiede sichtbar werden.

Der Bodhisattva-Weg beschreibt diese Haltung radikal: Die eigene Praxis endet nicht auf dem Meditationskissen.

Sie zeigt sich darin, wie wir sprechen.

Wie wir zuhören.

Wie wir mit Konflikten umgehen.

Wie wir auf das Leiden anderer reagieren.

Und wie wir Verantwortung für die Welt übernehmen, deren Teil wir sind.

Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Wandel manchmal viel unspektakulärer, als wir denken:

mit einem Menschen, der lernt, wirklich präsent zu sein.

Meditation in Bern – vom Ich zum Wir

Wenn du Meditation nicht nur als Entspannungstechnik, sondern als Weg zu tieferer Körperwahrnehmung, Präsenz und Mitgefühl kennenlernen möchtest, bist du herzlich willkommen.

In meinen Meditationen in Bern verbinde ich somatische, körperorientierte Praxis mit Elementen tibetisch-buddhistischer Meditation. Der Körper bildet dabei das Fundament: Wir beginnen mit dem unmittelbaren Erleben und entwickeln daraus Schritt für Schritt Stabilität, Offenheit und eine feinere Wahrnehmung unserer Beziehung zu uns selbst und anderen.

Die Praxis eignet sich auch für Menschen ohne Meditationserfahrung.

Denn die Reise beginnt nicht mit einem besonderen Bewusstseinszustand.

Sie beginnt mit einem Atemzug.

Marc Walter
Humanbiologe MSc. | QiGong-Lehrer | Meditationsbegleiter

Quellen und weiterführende Literatur

Davidson, R. J. & Goleman, D. (2017). Altered Traits: Science Reveals How Meditation Changes Your Mind, Brain, and Body.

Varela, F. J., Thompson, E. & Rosch, E. (1991). The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience.

Tang, Y.-Y., Hölzel, B. K. & Posner, M. I. (2015). The neuroscience of mindfulness meditation. Nature Reviews Neuroscience, 16, 213–225.

Craig, A. D. (2009). How do you feel—now? The anterior insula and human awareness. Nature Reviews Neuroscience, 10, 59–70.

Hölzel, B. K. et al. (2010). Stress reduction correlates with structural changes in the amygdala. Social Cognitive and Affective Neuroscience.

Black, D. S. & Slavich, G. M. (2016). Mindfulness meditation and the immune system: a systematic review of randomized controlled trials. Annals of the New York Academy of Sciences.

Brewer, J. A. et al. (2011). Meditation experience is associated with differences in default mode network activity and connectivity. PNAS.

Lutz, A. et al. (2008). Regulation of the neural circuitry of emotion by compassion meditation: effects of meditative expertise. PLoS ONE.

Klimecki, O. M. et al. (2013). Functional neural plasticity and associated changes in positive affect after compassion training. Cerebral Cortex.

Lutz, A., Greischar, L. L., Rawlings, N. B., Ricard, M. & Davidson, R. J. (2004). Long-term meditators self-induce high-amplitude gamma synchrony during mental practice. PNAS.

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