Mit dem Körper denken - Wie QiGong unser Gehirn verändert
QiGong wird seit Jahrhunderten praktiziert – doch was geschieht dabei eigentlich in unserem Gehirn?
Langsame, koordinierte Bewegungen, bewusste Atmung, Gleichgewicht und eine nach innen gerichtete Aufmerksamkeit treffen im QiGong aufeinander. Aus Sicht der Neurowissenschaft ist diese Kombination besonders interessant: Das Gehirn muss gleichzeitig Bewegung steuern, sensorische Informationen verarbeiten, Aufmerksamkeit regulieren und den eigenen Körper wahrnehmen.
Die Forschung zu den spezifischen Auswirkungen von QiGong auf das Gehirn steht noch am Anfang. Dennoch gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass regelmässige Praxis Prozesse unterstützen kann, die mit Stressregulation, Körperwahrnehmung, Stimmung und kognitiver Leistungsfähigkeit zusammenhängen.
Vielleicht liegt darin eine der faszinierendsten Qualitäten des QiGong: Wir trainieren nicht nur den Körper mit Hilfe des Gehirns – wir nutzen den Körper, um Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zu schulen.
Wie beeinflusst QiGong unser Gehirn?
Unser Gehirn verändert sich ein Leben lang. Erfahrungen, Bewegung und Lernen können neuronale Netzwerke funktionell und teilweise auch strukturell verändern. Diese Fähigkeit wird als Neuroplastizität bezeichnet.
QiGong vereint gleich mehrere Reize, die für solche Lernprozesse interessant sind: koordinierte Bewegung, Gleichgewicht, bewusste Atmung und fokussierte Aufmerksamkeit.
Während einer Übung muss das Gehirn beispielsweise die Stellung der Gelenke wahrnehmen, Bewegungen koordinieren, das Gleichgewicht regulieren und gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf Atem und Körperempfindungen richten.
QiGong ist damit nicht einfach Bewegung. Es ist auch eine Form von Aufmerksamkeitstraining in Bewegung.
Bewegung und Neuroplastizität
Wenn wir neue Bewegungsabläufe lernen, muss unser Gehirn Bewegungen planen, ausführen und laufend über sensorische Rückmeldungen korrigieren.
Motorische und sensorische Hirnregionen, Kleinhirn und weitere Netzwerke arbeiten dabei miteinander. Werden Bewegungen wiederholt, können sie zunehmend präziser und automatisierter werden – ein grundlegender Ausdruck motorischen Lernens und neuronaler Plastizität.
Das gilt nicht ausschließlich für QiGong. Bewegung und das Erlernen neuer motorischer Fähigkeiten sind grundsätzlich wichtige Reize für das Gehirn.
Das Besondere am QiGong liegt möglicherweise in der Verbindung dieser Bewegung mit bewusster Wahrnehmung und Aufmerksamkeit.
Den eigenen Körper genauer wahrnehmen
Ein zentraler Bestandteil des QiGong ist das Spüren.
Wie stehen meine Füße auf dem Boden? Wo befindet sich mein Gewicht? Wie bewegt sich der Brustkorb beim Atmen? Wo halte ich unnötige Spannung? Was verändert sich, wenn ich eine Bewegung langsamer ausführe?
Dabei spielen unterschiedliche Formen der Körperwahrnehmung zusammen.
Propriozeption beschreibt vereinfacht die Wahrnehmung von Stellung und Bewegung unseres Körpers. Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung innerer körperlicher Signale wie Atmung, Herzschlag oder andere Zustände des Organismus.
Achtsamkeits- und Meditationsforschung deutet darauf hin, dass sich durch regelmässiges Training auch neuronale Netzwerke verändern können, die an Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung beteiligt sind. Diese Erkenntnisse lassen sich allerdings nicht automatisch eins zu eins auf QiGong übertragen.
Trotzdem bietet QiGong einen sehr direkten Trainingsraum dafür:
Das Gehirn lernt, dem Körper genauer zuzuhören.
Atmung, Entspannung und Nervensystem
Auch die Atmung spielt im QiGong eine wichtige Rolle.
Statt sie möglichst stark zu kontrollieren, wird sie in vielen Übungen zunächst beobachtet und darf zunehmend ruhig, fein und natürlich werden.
Langsame Atmung kann Prozesse des autonomen Nervensystems beeinflussen. Dabei geht es jedoch nicht um einen simplen Schalter von „Sympathikus aus“ zu „Parasympathikus an“. Beide Systeme arbeiten ständig zusammen und regulieren den Organismus abhängig von Situation und Bedarf.
Die Kombination aus ruhiger Bewegung, Atmung und fokussierter Aufmerksamkeit könnte einer der Gründe sein, weshalb QiGong in Studien mit Verbesserungen bei wahrgenommenem Stress und psychischem Wohlbefinden in Verbindung gebracht wird.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zu QiGong und Stress fand Hinweise auf mögliche positive Effekte, betonte allerdings auch, dass die Qualität vieler vorhandener Studien noch begrenzt ist.
QiGong und Emotionen
Körper und Emotion lassen sich nicht vollständig voneinander trennen.
Wir erleben Angst, Freude oder Anspannung nicht nur als Gedanken, sondern auch körperlich: als veränderten Atem, Herzklopfen, Wärme, Enge, Muskelspannung oder Bewegung.
Wenn wir im QiGong lernen, solche körperlichen Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen, entsteht möglicherweise ein kleiner Raum zwischen einem Reiz und unserer automatischen Reaktion darauf.
Genau hier treffen sich QiGong und Achtsamkeitspraxis.
Studien zu QiGong zeigen interessante Hinweise auf Verbesserungen depressiver Symptome und teilweise auch von Angst und psychischem Wohlbefinden. Die Ergebnisse sind jedoch nicht in allen Untersuchungen gleich und die Qualität der Evidenz variiert.
QiGong sollte deshalb nicht als Ersatz für eine notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung verstanden werden. Als körperorientierte Praxis kann es jedoch für manche Menschen eine wertvolle Ergänzung sein.
QiGong, Kognition und Gedächtnis
Auch die Auswirkungen von QiGong auf kognitive Fähigkeiten werden zunehmend untersucht.
Besonders interessant ist dabei, dass QiGong mehrere Anforderungen gleichzeitig kombiniert: Bewegungsfolgen müssen erinnert, räumlich koordiniert und mit Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung verbunden werden.
Aktuelle Untersuchungen beschäftigen sich beispielsweise mit älteren Menschen und neurologischen Erkrankungen. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2026 untersuchte QiGong bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen nach einem Schlaganfall. Die zusammengefassten Studien zeigten Verbesserungen in bestimmten kognitiven Tests, wobei die Ergebnisse zwischen den verschiedenen QiGong-Formen und Studien variierten.
Das ist interessant – bedeutet aber noch nicht, dass QiGong allgemein „das Gedächtnis verbessert“ oder Neurodegeneration verhindert.
Die wissenschaftlich spannendere Frage lautet deshalb:
Was geschieht langfristig, wenn wir Bewegung, Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung immer wieder gemeinsam trainieren?
Was passiert mit den Gehirnwellen beim QiGong?
Auch die elektrische Aktivität des Gehirns lässt sich während Meditation und körperorientierter Praxis untersuchen. Dabei werden häufig Frequenzbereiche wie Alpha, Theta, Beta und Gamma beschrieben.
Vereinfacht werden Alpha-Aktivitäten häufig mit entspannten Wachzuständen und Theta-Aktivitäten mit bestimmten Formen innerer Aufmerksamkeit oder Meditation in Verbindung gebracht. Untersuchungen an erfahrenen Meditierenden zeigen außerdem, dass unter bestimmten Bedingungen Veränderungen der Gamma-Aktivität auftreten können.
Hier ist jedoch Vorsicht angebracht.
Unser Gehirn durchläuft während einer QiGong-Stunde nicht einfach eine festgelegte Leiter von Beta über Alpha und Theta bis Gamma. Gehirnwellen sind wesentlich komplexer, verschiedene Frequenzen treten gleichzeitig auf und ihre Bedeutung hängt unter anderem von Hirnregion, Aufgabe und Messmethode ab.
Auch Ergebnisse aus Meditationsstudien können nicht automatisch auf QiGong übertragen werden.
Trotzdem ist die EEG-Forschung spannend, weil sie zeigt, dass sich subjektive Zustände wie Aufmerksamkeit, Entspannung und Meditation auch in messbaren Veränderungen neuronaler Aktivität widerspiegeln können.
Mit dem Körper denken
Vielleicht liegt genau hier eine der interessantesten Perspektiven auf QiGong.
Wir sind gewohnt, Denken vor allem als Tätigkeit des Kopfes zu verstehen. Doch unser Gehirn erhält ununterbrochen Informationen aus dem gesamten Körper. Haltung, Bewegung, Atmung und innere Körperzustände beeinflussen, wie wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen.
Im QiGong wird der Körper deshalb nicht einfach vom Gehirn gesteuert.
Der Körper wird selbst zu einer Quelle von Information.
Wir bewegen uns – und spüren die Bewegung.
Wir atmen – und beobachten, was sich verändert.
Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf einen Körperbereich – und entdecken Empfindungen, die vorher vielleicht im Hintergrund lagen.
Aus dieser Perspektive lässt sich QiGong als eine Art verkörpertes Lernen verstehen: Wir lernen nicht nur über den Körper, sondern durch den Körper.
Was sagt die Forschung zur Wirkung von QiGong?
Die wissenschaftliche Literatur zu QiGong ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Systematische Reviews berichten unter anderem über mögliche positive Effekte auf Stress, depressive Symptome, Angst, Lebensqualität und bestimmte körperliche oder kognitive Funktionen.
Gleichzeitig ist ein wichtiger Vorbehalt notwendig: Viele Studien sind klein, verwenden unterschiedliche QiGong-Systeme und unterscheiden sich stark hinsichtlich Dauer, Vergleichsgruppen und untersuchten Personengruppen. Einige Übersichtsarbeiten bewerten die methodische Qualität der verfügbaren Forschung deshalb als begrenzt.
QiGong ist damit weder ein wissenschaftliches Wundermittel noch lediglich eine esoterische Idee.
Es ist eine jahrhundertealte Körperpraxis, deren mögliche Wirkmechanismen heute zunehmend mit modernen wissenschaftlichen Methoden untersucht werden.
Und vielleicht müssen wir gar nicht warten, bis jedes Detail verstanden ist, um eine der unmittelbarsten Erfahrungen des QiGong zu machen:
Wenn wir langsamer werden, beginnen wir wieder wahrzunehmen.
Nicht nur mit dem Kopf.
Sondern mit dem ganzen Körper.
QiGong in Bern – vom Wissen zur eigenen Erfahrung
Über QiGong und Neuroplastizität zu lesen ist spannend. Doch QiGong lässt sich letztlich nur begrenzt theoretisch verstehen.
Man muss es erfahren.
In meinen QiGong Kursen in Bern und Jegenstorf verbinden wir langsame Bewegungen mit Atmung, Entspannung und bewusster Körperwahrnehmung. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Bewegungsabläufe auswendig zu lernen, sondern die Qualität der eigenen Wahrnehmung zunehmend zu verfeinern.
Die Kurse eignen sich je nach Angebot sowohl für Anfänger als auch für Menschen mit QiGong-Erfahrung.
Wenn du diese Form des verkörperten Lernens selbst kennenlernen möchtest, findest du hier meine aktuellen QiGong Kurse in Bern.
Marc Walter
Humanbiologe MSc. | QiGong-Lehrer | Meditationsbegleiter
Quellen und weiterführende Literatur
Tang, Y.-Y., Hölzel, B. K. & Posner, M. I. (2015). The neuroscience of mindfulness meditation. Nature Reviews Neuroscience, 16, 213–225.
Fox, K. C. R. et al. (2014). Is meditation associated with altered brain structure? A systematic review and meta-analysis of morphometric neuroimaging in meditation practitioners. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 43, 48–73.
Hölzel, B. K. et al. (2011). Mindfulness practice leads to increases in regional brain gray matter density. Psychiatry Research: Neuroimaging, 191, 36–43.
Wang, C.-W. et al. (2013). The effect of Qigong on depressive and anxiety symptoms: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine. Die Autoren fanden Hinweise auf einen möglichen Effekt bei depressiven Symptomen, betonten jedoch die methodischen Einschränkungen der Studien.
So, W. W. Y. et al. (2019). The neurophysiological and psychological mechanisms of Qigong as a treatment for depression: A systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry, 10, 820.
Song, C. et al. (2026). Effects of qigong exercise on post-stroke cognitive impairment: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Frontiers in Neurology, 17.