Wenn Selbstkritik die Lust berührt – Selbstannahme in der Tantramassage
Viele Menschen kennen diese innere Stimme. Sie meldet sich beim Blick in den Spiegel, nach einem vermeintlichen Fehler oder gerade dann, wenn wir uns einem anderen Menschen besonders nahe zeigen: Mein Körper ist nicht schön genug. Ich sollte anders sein. Ich müsste entspannter sein. Warum kann ich nicht einfach loslassen?
Selbstkritik ist in unserer Gesellschaft so selbstverständlich geworden, dass sie häufig kaum noch wahrgenommen wird. Sie erscheint beinahe wie ein notwendiger innerer Antrieb: Wer mit sich selbst streng genug ist, wird sich verbessern, attraktiver werden, erfolgreicher sein oder irgendwann endlich jenem Ideal entsprechen, das im eigenen Kopf entstanden ist.
Doch gerade im Bereich von Körperlichkeit, Intimität und Sexualität kann diese permanente Selbstbewertung zum Gegenteil führen. Wo der Körper beobachtet und beurteilt wird, wird es schwieriger, ihn tatsächlich zu spüren. Wo die Frage auftaucht, ob man „richtig“ aussieht oder reagiert, geht ein Teil der Aufmerksamkeit verloren, der eigentlich für Berührung, Empfindung und Genuss zur Verfügung stehen könnte.
Selbstkritik ist auch eine Form von Stress
Negative Selbstbewertung ist nicht nur ein Gedanke. Sie kann eine körperliche Stressreaktion begleiten. Das ist gerade im Zusammenhang mit Sexualität interessant, denn Lust und tiefe Entspannung lassen sich nur bedingt erzwingen.
Der Körper braucht ein gewisses Mass an Sicherheit, um Kontrolle abzugeben.
Wer innerlich damit beschäftigt ist, sich zu korrigieren, zu vergleichen oder zu beobachten, bleibt dagegen in einer subtilen Form der Wachsamkeit. Der Körper ist anwesend – und gleichzeitig steht ein Teil des Bewusstseins daneben und bewertet ihn.
Gerade Frauen erleben einen starken gesellschaftlichen Druck in Bezug auf Körper, Attraktivität und Sexualität. Wie sollte ein weiblicher Körper aussehen? Wie viel Lust sollte eine Frau empfinden? Wie selbstbewusst, entspannt oder orgasmisch sollte sie sein?
So kann selbst Sexualität zu einem weiteren Bereich werden, in dem etwas geleistet werden soll.
Dabei entsteht Lust häufig gerade dort, wo Leistung für einen Moment unwichtig werden darf.
Vom betrachteten zum gespürten Körper
Vielleicht liegt darin eine der interessantesten Möglichkeiten achtsamer Körperarbeit und einer professionell begleiteten Tantramassage: Der Körper muss für eine gewisse Zeit nichts darstellen.
Er darf einfach Körper sein.
Nicht schön oder unschön. Nicht richtig oder falsch. Nicht leistungsfähig oder unzulänglich.
Berührung kann dabei helfen, die Aufmerksamkeit langsam von der äusseren Bewertung zurück in die unmittelbare Wahrnehmung zu bringen: Wärme. Atem. Haut. Druck. Entspannung. Spannung. Kribbeln. Grenzen. Nähe. Vielleicht Lust. Vielleicht auch zunächst gar nichts Besonderes.
Gerade dieses Nicht-müssen kann bedeutsam sein.
Eine Tantramassage ist deshalb nicht einfach eine Abfolge angenehmer Berührungen. In einem achtsamen und klar gehaltenen Rahmen kann sie zu einer Erfahrung werden, in der Wahrnehmung wieder wichtiger wird als Bewertung.
Was geschieht, wenn der innere Kampf aufhört?
Hinter Selbstkritik steckt oft die Überzeugung, dass sie notwendig sei. Als würde der Mensch ohne den inneren Druck stehen bleiben. Als würde Selbstannahme bedeuten, jede Entwicklung aufzugeben.
Doch Selbstfreundlichkeit bedeutet nicht, alles gut finden zu müssen. Sie bedeutet zunächst, den gegenwärtigen Zustand nicht permanent zu bekämpfen.
Das macht einen entscheidenden Unterschied.
Ein Körper, der jahrelang kritisch betrachtet wurde, verändert seine Beziehung zu sich selbst vermutlich nicht dadurch, dass er noch stärker korrigiert wird. Vielleicht beginnt Veränderung vielmehr dort, wo der innere Kampf für einen Moment unterbrochen wird.
Nicht: Ich muss meinen Körper endlich lieben.
Sondern zunächst vielleicht nur:
Dieser Körper darf jetzt so sein, wie er ist.
Diese scheinbar kleine Verschiebung kann erstaunlich viel Raum öffnen.
Tantramassage als Raum für Selbstwahrnehmung
In meiner Praxis für Tantramassage in Bern begegnet mir immer wieder, wie unterschiedlich Menschen Berührung erleben. Manche können schnell loslassen. Andere benötigen Zeit. Manche erleben intensive Empfindungen, andere vor allem Ruhe, Wärme oder ein stärkeres Gefühl für den eigenen Körper.
Keine dieser Erfahrungen ist richtiger als die andere.
Gerade darin liegt für mich ein wesentlicher Unterschied zwischen bewusster Körperarbeit und einer leistungsorientierten Vorstellung von Sexualität: Es gibt kein bestimmtes Ergebnis, das erreicht werden muss.
Eine achtsam begleitete Tantramassage kann einen geschützten Rahmen schaffen, in dem Grenzen respektiert werden und Wahrnehmung, Atem und Berührung im Vordergrund stehen. Dabei geht es nicht darum, einen Menschen zu „reparieren“. Vielmehr entsteht die Möglichkeit, dem eigenen Körper mit etwas weniger Erwartung und etwas mehr Neugier zu begegnen.
Vielleicht wird dadurch auch jene innere Stimme hörbar, die normalerweise sagt: So sollte ich nicht sein.
Und vielleicht muss sie nicht bekämpft werden.
Man kann sie bemerken – und die Aufmerksamkeit wieder zum Körper zurückbringen.
Sexualität braucht nicht mehr Perfektion, sondern mehr Erlaubnis
Vielleicht besteht ein Teil sexueller Freiheit darin, irgendwann zu erkennen, wie viele Vorstellungen über den eigenen Körper überhaupt nicht aus dem eigenen Körper stammen.
Schönheitsideale. Erwartungen. Vergleiche. Frühere Erfahrungen. Kommentare anderer Menschen. Vorstellungen darüber, wie Lust auszusehen hat.
Sie können sich über Jahre ansammeln, bis sie sich wie die eigene Wahrheit anfühlen.
Doch unter all diesen Bewertungen befindet sich weiterhin ein Körper, der wahrnehmen kann.
Ein Körper, der atmet.
Der Berührung unterscheiden kann.
Der Grenzen spürt.
Der Lust empfinden darf, ohne sie produzieren zu müssen.
Und vielleicht beginnt eine tiefere Form von Selbstannahme nicht mit dem Satz „Ich bin perfekt“, sondern mit etwas viel Einfacherem:
Ich bin hier. Ich bin ganz. Und für diesen Moment muss ich nichts anderes sein.
Manchmal ist genau das der Anfang, wieder nach Hause in den eigenen Körper zu finden.
Tantramassage in Bern – Marc Walter
Achtsame, professionell begleitete Körperarbeit mit Raum für Berührung, Körperwahrnehmung, Grenzen, Entspannung und die eigene Erfahrung.